Panik

Nur ein Piks

Sie kennt das Prozedere schon. „Hey, ganz ruhig, Süße. Wir sind bei dir. Nur ein kleiner Piks.“ – Ganz ruhig? Wie bitte? Ganz ruhig? Das Piksen pikst nur, ja, ich weiß. Aber wenn es zu all den anderen Schmerzen dazu kommt, ist es zu viel. „AAAAAAAHH“, schreit sie, während das Narkosemittel statt in ihre Vene in ihre Hand läuft. Von den vielen Infusionen und Narkosen sind die Venen so durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Kein Wunder also, dass das passiert. Die Hand schwillt binnen Sekunden an und tief in ihr drinnen fragt sie sich, ob sie diesen Schwestern und Ärzten jemals wieder vertrauen kann. Zu oft haben sie ihr gut zugeredet und dann wurde es schlimmer und schlimmer. Woher sollte sie auch wissen, dass das Abschaben ihrer Rückenhaut nur dazu dient, dass ihre Verbrühungswunden überhaupt eine Chance haben, zu überleben. An der Unruhe bei ihren Eltern spürt sie, dass es heute wieder soweit ist.

Überstehen

Der Arzt probiert eine neue Ader aus. Jetzt klappt es. Er zählt von zehn runter und schon die acht bekommt sie nicht mehr mit. Beim Aufwachen hat sie Schmerzen an Stellen, an denen vorher noch keine Schmerzen waren. Warum nur, warum? Wozu soll das alles gut sein? Aber jetzt lieber nicht weinen. Nicht schreien, einfach schauen. Geradeaus schauen. Den Tag überstehen. Die Minute überstehen. Morgen wird es vielleicht ein klein wenig besser sein. Sie will es ihm nicht unnötig schwer machen mit Jammern oder Weinen oder Schreien. Seine Augen haben dunkle Ringe. Sie stellt sich vor, an die Decke zu fliegen. Raus aus ihrem kaputten Körper. Wie ein Engel. So schaut sie auf sich und das wohl vertraute Zimmer. So abgekapselt kann sie die Situation besser überstehen, sind die Schmerzen nicht so stark.

Der grüne Raum

Dann ein Verbandswechsel, dieses Mal ohne Narkose. Zum ersten Mal. Also zumindest kein „Piks“, das ist doch schon mal was. Sie wird in einen Raum neben ihrem Zimmer gefahren. An den Wänden sind grüne Fliesen. In der Mitte eine Liege und eine Lampe wie beim Zahnarzt. Ob das der OP Saal ist? Die Liege sieht unbequem aus. Ist sie auch. Aber man kann sie auf „warm“ stellen. Das ist gut. Dann friert man nicht. Und ohne Frieren geht es ihr schon ein bisschen besser. Aber dann beginnen die Ärzte und Schwestern damit, die Verbände zu lösen. Haut, Kruste, Wunden bleiben in den Verbänden hängen. Tief geht der Schmerz, wie eine große Raspel, mit der man über die Haut schabt. Ein Arzt fängt an zu singen. Es ist der nette, der sie auch sonst liebevoll anschaut und den ihre Eltern so gut leiden können. Sie versucht, das Schreien zurückzuhalten, doch die Schmerzen sind so stark, dass es ihr nicht gelingt. Es brennt und brennt und bei jeder Bewegung hat sie Angst, dass es noch schlimmer kommen könnte. Dabei ist es schon schlimm. Ziemlich schlimm. In ihren Gedanken verlässt sie ihren Körper. Sie steigt an die Decke, sieht ihre geschundene Silhouette, konzentriert sich auf das, was der Arzt singt.

Geschafft?

Irgendwann ist die Prozedur geschafft. Beim nächsten Verbandswechsel bekommt sie wieder Vollnarkose. Doch: Nachts schreckt sie auf, mit kalten Händen und heißer Stirn. Da war er wieder. Der grüne Saal. Da war sie wieder, die Angst, die Panik. Dabei war noch nichts passiert.

Schmerzen, so unerträglich, dass sie nicht gefühlt werden konnten. Schmerzen, so unerträglich, dass sie weit weg geschoben wurden. Schmerzen, so unerträglich, dass sie sich tief eingebrannt haben. Ins Denken und Fühlen.

Wie soll jemand das verarbeiten? Wie soll jemand damit jemals klar kommen? Wie soll man all das, was damals verwundet wurde, wieder in Ordnung bringen?

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