Ich erinnere mich noch an diesen Moment, als unser Freizeitleiter für einen halben Tag weg musste und die Frage im Raum stand, wer von uns Mitarbeitenden in dieser Zeit die Leitung übernehmen könnte. Franziska sagte, dass ich das doch übernehmen könnte. Ich wehrte ab, denn es war eine Freizeit der Christlichen Jugendpflege, einer Jugendorganisation, die zu den Brüdergemeinden gehört und demnach war für mich klar, dass ich als Frau diese Aufgabe sicherlich nicht übernehmen können würde. Ungefähr 14 Jahre später lese ich das Buch „Frau sein“ von ebendieser Franziska Klein. Franziska beschreibt im ersten Kapitel ihr Aufwachsen in ihrer Herkunftsgemeinde und die ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln, die dort bezüglich des Frauseins galten. Bei mir waren diese Regeln – aufgewachsen in der Ev. Landeskirche – viel weniger stark, aber dennoch irgendwie präsent. Das Buch berührt mich, lässt mich nicht kalt, lässt mich wütend, traurig, nachdenklich werden.
Ich reflektiere all diese Momente, in denen ich mich als Frau weniger Wert gefühlt habe, als die Männer um mich herum. Oder irgendwie abgeschoben. Klein gemacht. In der Schule hatte ich dieses Gefühl nicht, aber bei verantwortlichen Tätigkeiten in CVJM, in meiner Arbeit, bei der Frage im Bekannten- oder Verwandtenkreis, warum ich überhaupt SO schnell und SO viel arbeite, wo ich doch kleine Kinder zu versorgen habe (genau, wie mein Mann, übrigens). Aber wieso sollte mein Gott mich so gemacht haben, mit der Energie, mit meiner Neugier, mit meiner Schaffenskraft, mit meinen ungeschickten Händen und meinem ungeduldigen Wesen, das Wiederholungen hasst, wenn er von mir verlangen würde, 15 Jahre nicht zu arbeiten (also bis zum Ende der Grundschulzeit meiner Kinder)? Das ergibt für mich keinen Sinn und führte dazu, dass ich immer SO viel und SO früh nach der Geburt unserer Kinder wieder arbeiten gegangen bin.
Nun bin ich wieder in Elternzeit. Aber nicht, weil Baby Nr. 4 unterwegs ist, sondern weil ich merke, dass sich mein Beruf und meine Familie nicht vereinbaren lassen. Vielleicht auch weil mein Beruf und ich sich nicht vereinbaren lassen, ohne, dass ich weiter krank werde. Dabei liebe ich meinen Beruf. Aber ich habe das Gefühl, ständig Grenzen um mich herum ziehen zu müssen, die von anderen andauernd in Frage gestellt, verschoben oder eingerissen werden. Dabei sind sie nötig, um gute Arbeit leisten zu können.