Brief an Stefan

Lieber Stefan*,

ich schreibe dir heute, weil ich das Gefühl habe, dass du gerade eine Ermutigung brauchen könntest.

Es tut mir so Leid, wenn ich daran denke, wie es dir gerade gehen muss. Von überall kommen Anklagen. Sachen, die nicht gut gelaufen sind. Grenzen, die überschritten worden sind. „Ich hab doch auch Sachen richtig gemacht!“, sagst du zu mir mit Verzweiflung in der Stimme. „Das hast du!“, antworte ich. Und nun sage ich: Denk mal darüber nach: Was ist denn in letzter Zeit richtig gut gewesen? Wo hast du gemerkt, dass du voller Energie bist? Wo hast du gespürt, dass Gott da gerade etwas tut? Ich bin mir sicher: Du wirst sehen: Er tut etwas.

Du bist an dem Ort, an dem du bist, aus gutem Grund. Gott gebraucht dich. Gott wirkt durch dich. Auch dann, wenn alles um dich herum finster aussehen mag. Auch dann, wenn niemand „Danke!“ sagt. Auch dann, wenn du andere verletzt. Auch dann, wenn du verletzt wirst.

Ich kann mir vorstellen, dass es alte Wunden gibt, bei dir. Wunden, die darauf warten, behandelt zu werden. Jede*r von uns kennt das doch: Bei bestimmten Themen passiert irgendetwas in einem. Da ist auf einmal Wut, unbändiger Zorn. Vielleicht hast du früher Dinge gesagt bekommen, die dich geprägt haben. Lügen über dich oder über das, was du leisten sollst. Vielleicht wird es Zeit, die Verletzung sauber zu machen. Das tut weh. Es ist richtig unangenehm. Sie brennt und der Schmerz ist schlimmer denn je. Aber dann, wenn alles draußen ist, dann kann die Heilung beginnen. Das geht nicht von heute auf morgen. Doch Stück für Stück wird aus der tiefen Verletzung eine Narbe. Und dann wirst du dich dann und wann noch einmal daran denken, was dir dort geschehen ist. Aber ein Lächeln wird deinen Mund umspielen, weil du weißt, dass sie dich nicht mehr beeinflusst. Dass sie nun geheilt ist.

Es könnte doch sein, dass diese Krise, die du gerade durchlebst, eine Möglichkeit ist, Dinge neu zu ordnen. Prioritäten zu setzen. Zu entscheiden, was dran ist und was nicht. „Qualität vor Quantität!“, hast du gesagt. Wenn ich mir deinen Wochenplan bisher anschaue, dann sehe ich, dass da noch ein bisschen Arbeit vor dir liegt. Ich glaube, wenn du dir mehr Zeit für die einzelnen Dinge in deinem Leben nehmen würdest, dann wärst du wieder zufriedener mit deiner Arbeit. Jedes „Nein“ zu einer weiteren Verpflichtung bedeutet ein „Ja“ zu einer anderen Sache. Und das muss nichts Neues sein. Das kann auch einfach bedeuten, dass du etwas endlich mal in Ruhe machen kannst.

Du bist wertvoll. Und geliebt. Auch, wenn du dich krank meldest und weder E-Mails noch Anrufe beantwortest.

Du bist gut, so wie du bist. Auch dann, wenn du jeden Tag „nur“ noch acht Stunden arbeitest und einen Sabbattag einhältst. Für Gott brauchst du nichts leisten. Seine Gnade ist jeden Morgen neu.  Er führt uns zum frischen Wasser, erquickt unsere Seele. Ich könnte mir aber vorstellen, dass er dich für die Trinkpause erstmal suchen muss, weil du so beschäftigt bist. Lass dich finden. Geh in Ruhe mit ihm zur Wasserquelle. Du kannst nur weitergeben, wenn du überfließt.

Marco Michalzik sagt es folgendermaßen:

„Vielleicht ist das Ende der Anfang.

Vielleicht buchstabiert Gnade sich manchmal E*N*D*E“

Möglicherweise sind in diesem ganzen Schmerz Dinge aufgebrochen, die durch Ruhe, Reflexion und Reden mit Gott nicht alleine bearbeiten kannst. Dann zögere nicht und such dir professionelle Hilfe. Hey, wie schön wäre es, wenn du in ein paar Jahren auf diese Phase zurückblicken würdest und siehst: Es war schwierig. Ich bin zerbrochen. Aber Gott hat etwas Gutes getan. Aus dem Ende wurde ein Anfang. Zerbrochene Beziehungen durften heilen. Lügen im Kopf wurden als das enttarnt, was sie sind. Und hatten nach und nach keine Bedeutung mehr.

*Name geändert

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